Einige Gedanken zum Leben und Handeln von Sophie Scholl

Ich habe mich in den letzten Wochen mit dem Leben und Denken von Sophie Scholl auseinandergesetzt. Ich bin fasziniert vom Leben dieser Frau, welche im Alter von 22 Jahren aufgrund ihres Widerstands gegenüber dem Nazi-Regime zum Tode verurteilt wurde und am 22.2.1943 mit einer Guillotine enthauptet wurde. Was brachte sie dazu, Widerstand zu leisten? Einen Widerstand, für den sie bereit war ihr eigenes Leben aufzugeben. Warum schwieg sie nicht, wie so viele andere Menschen ihrer Zeit? Sie hätte sich ja zur grauen Masse derer hinstellen können, welche zuerst und zuletzt für sich selber schauten und wie eine Fahne in diese, oder in jene Windrichtung wehten. Doch sie tat es nicht. Und es kostete ihr das Leben. Dies muss doch Bewunderung hervorrufen! Doch vielleicht ruft es auch Beschämung hervor, da dieser Mut, diese Zivilcourage im eigenen Leben eben nicht gesehen wird. Zivilcourage wird auch heute noch als hohe Tugend angesehen. Der Duden definiert Zivilcourage als:

„Mut, den jemand beweist, indem er humane und demokratische Werte (z.B. Menschenwürde, Gerechtigkeit) ohne Rücksicht auf eventuelle Folgen in der Öffentlichkeit, gegenüber Obrigkeiten, Vorgesetzten o.Ä. vertritt.“

Mir scheint es heute so zu sein, das zivilcouragiertes Auftreten als die Ausnahme angesehen wird. Warum sonst sollten Zeitungen und Zeitschriften immer wieder darüber berichten, wenn ein Mensch einmal etwas mehr als das Notwendige und Geforderte gemacht hat? Für eine Selbstverständlichkeit wird kein „Prix Courage“ vergeben. Doch auch zu Zeiten Sophie Scholls waren es wenige, welche sich mit der Tugend der Zivilcourage auszeichneten. Ist Zivilcourage etwas, was schon von Natur aus nur wenigen Menschen gegeben ist, welche man dann gleich als Halbgötter auf einen Sockel stellen und prämieren muss? Wer dieser Meinung ist, hat schon kapituliert, bevor der Kampf überhaupt angefangen hat. Zudem zeigt er damit, welch ein erbärmliches Bild er von Menschen hat. Kann man vom Menschen keinen Mut erwarten? Kann man von ihm nicht erwarten, für etwas einzustehen, was über sein kleines und beschränktes Leben herausgeht? Soll sich des Menschen Leben nur um ihn selbst drehen? Nein! Ich meine, dass von jedem Menschen Zivilcourage zu fordern ist. Entspricht dies nicht der heutigen Realität oder sieht man darin eine unmögliche Forderung, dann zeigt dies nur, wie weit wir uns von der ursprünglichen Berufung und Herrlichkeit des Menschen abgewendet haben. Dann ist es an der Zeit, dass Personen wie Sophie Scholl zu unseren Lehrmeisterinnen werden.
Keineswegs würde ich mich als Experten bezüglich Sophie Scholl und der Widerstandsbewegung „Weisse Rose“ bezeichnen. Dennoch möchte ich einige Gedanken teilen, welche ich vor allem den Briefen und Tagebucheinträgen von Sophie Scholl aus „Hans und Sophie Scholl. Briefe und Aufzeichnungen“ (Frankfurt a. M.: Fischer Verlag, 9.Aufl., 2005) entnommen habe. Dies in der Hoffnung, der geschätzte Leser, wie bereits ich selbst, dadurch zum Nachdenken und zur Zivilcourage angeregt wird.

Eine unlöschbare Freude und ein Staunen über die Welt

„Jetzt freue ich mich wieder an den letzten Strahlen der Sonne, ich staune über die unerhörte Schönheit alles dessen, was nicht der Mensch geschaffen hat. Die roten Dahlien am weissen Gartentor, die hohen ernsten Tannen und die zitternden goldbehangenen Birken mit ihren jetzt leuchtenden Stämmen vor all dem grünen und rostfarbenen Laubwerk, die goldene Sonne, die die leuchtende Farbenkraft eines jeden einzelnen Dinges noch erhöht, anstatt, wie die glühende Sommersonne, alles, was sich neben ihr noch regen will, zu erdrücken. Alles ist so zum Staunen schön, dass ich noch nicht weiss, was für ein Gefühl mein sprachloses Herz dafür entfalten soll, denn für eine reine Freude daran ist es noch nicht reif genug, es staunt und begnügt sich mit entzücktem Staunen. – Ist es nicht Rätsels genug, und wenn man den Grund dafür nicht weiss, beinahe furchterregend, dass alles so schön ist? Trotz des Schrecklichen, das geschieht. In meine blosse Freude an allem Schönen hat sich etwas grosses Unbekanntes gedrängt, eine Ahnung nämlich von seinem Schöpfer, den die unschuldigen erschaffenen Kreaturen mit ihrer Schönheit preisen. – Deshalb eigentlich kann nur der Mensch hässlich sein, weil er den freien Willen hat, sich von diesem Lobgesang abzusondern. Und jetzt könnte man oftmals meinen, er brächte es fertig, diesen Gesang zu überbrüllen mit Kanonendonner und Flüchen und Lästern. Doch dies ist mir im letzten Frühling aufgegangen, er kann es nicht, und ich will versuchen, mich auf die Seite des Siegers zu schlagen.“
Text vom 10.10.1942

Immer wieder zeigt sich in den Briefen Sophie Scholls eine tiefe Freude und ein Staunen über das Wunder der Natur und auch Dankbarkeit für Gesellschaft und gutes Essen (erst recht in Zeiten des Mangels!). Immer wieder weiss sie von Schönem zu berichten. Trotz des Schrecklichen lässt sie sich ihre Lebensfreude und ihr Staunen nicht nehmen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie überzeugt ist, dass der Mensch letztendlich nicht fähig ist „diesen Gesang zu überbrüllen“. Wenn der Mensch meint, er könne die Natur, ja die ganze Welt nach Gutdünken verändern und nach seinem Gusto neu erschaffen, wird er früher oder später auf die Welt kommen und auf dem Boden der Realität landen. Hochmut kann zur Verblendung führen und kommt bekanntlich vor dem Fall.
Doch gerade im Fall liegt die Gefahr, dass man dadurch zum Zyniker wird. Der Zyniker ist der Mensch, welcher schon längst all seine Hoffnungen begraben hat und nun alles und jeden unter dem Mantel des Humors kritisiert, aber selber auch keine Antworten hat. Er sitzt dort, wo die Spötter sitzen. Ein Zyniker taugt nicht zur Zivilcourage. Ist ein Mensch hingegen vom Gesang der Schöpfung ergriffen, wird er deren Lästerung und Verneinung nicht einfach tatenlos akzeptieren. An dieser Stelle komme ich auf die christliche Tugend der Demut zu sprechen.

Eine Demut, die zum Handeln befreit

„So schwach bin ich, dass selbst das von mir erkannte nicht in meinem Leben wahr und wirksam wird, und nimmer vermag ich es, meinen Willen, von dem ich weiss, dass er unklug und eigensüchtig ist, aufzugeben und mich Seinem Willen zu überlassen. Und doch möchte ich es und bin glücklich bei dem Gedanken, dass er es ist, der alles regiert. Jeden Abend bete ich, dass er meinen Willen, den ich nicht aus meinem törichten Händen freiwillig lassen kann, mir herausreisse, um mich unter seinen zu stellen, den ich doch schon lange als gut erkannt habe und dem ich dienen möchte – wenn ich nicht selbst mir im Weg stünde. Um ein mitleidiges Herz bitte ich, wie könnte ich sonst lieben? O, da ich in allem so seicht bin, muss ich alles erbitten. Ein Kind kann mitleiden, aber ich vergesse oft die Schmerzen, die mich doch erdrücken müssten, die Schmerzen der Menschen. Und meine ohnmächtige Liebe lege ich in Deine Hand, damit sie mächtig wird.“
Tagebucheintag vom 6.8.1942

„O mein Gott ich bitte Dich, nimm meinen leichten Sinn und meinen eigensüchtigen Willen, der an den süssen, verderblichen Dingen hängenbleiben will, von mir, ich vermag es nicht, ich bin viel zu schwach.
Ich kann es nicht verstehen, wie heute „fromme“ Leute fürchten um die Existenz Gottes, weil Menschen seine Spuren mit Schwert und schändlichen Taten verfolgen. Als habe Gott nicht die Macht (ich spüre, wie alles in seiner Hand liegt), die Macht. Fürchten bloss muss man um die Existenz der Menschen, weil sie sich von Ihm abwenden, der ihr Leben ist.“
Tagebucheintrag vom 9.8.1942

Die Tugend der Demut gehört für mich zu den grossartigsten Elementen des christlichen Glaubens. Und die christliche Färbung dieser Demut scheint mir bis jetzt einzigartig zu sein auf der Welt. Was ist das für eine Demut? Es ist das Bewusstsein der totalen eigenen Bedürftigkeit, Ohnmacht und Verdorbenheit gekoppelt mit dem aktiven Begehren nach der Herrlichkeit. Ein demütiger Christ ist sich bewusst, dass er Verdammnis verdient, und doch jagt er dem ewigen Leben und der Glückseligkeit nach. Er sieht sich selbst als den Niedrigsten an und greift doch nach den Sternen. Die christliche Demut ist pessimistischer als alles andere, was die Möglichkeiten des Menschen betrifft und gleichzeitig optimistischer als alles andere, was die Vollendung des Menschen betrifft. Das kann sie, weil sie mit dem mächtigen Handeln Gottes rechnet, welchem wir Menschen nicht das Wasser reichen können. Diese Demut befreit zu einem verantwortungsvollen Handeln und nicht zur Untätigkeit. Wer in der Demut lediglich ein „sich-schlecht-machen“ und „sich-bemitleiden“ sieht, der hat sie falsch verstanden.
Ich meine, auch Sophie Scholl war von christlicher Demut erfüllt. Denn obwohl sie oft mit sich haderte und in ihren Tagebucheinträgen Gebete niederschrieb, in welchen sie sich selber aufgab und sich Gott hingab, bewahrte sich mehr Eigenständigkeit und Individualität als alle selbstzufriedene Schreibtischtäter und stillen Unterstützer des Nazi-Regimes. Ihre eigene Zerknirschtheit wurde durch Gottes Gnade in Mut und Freiheit verwandelt. Es zeigt sich hier das seltsame Handeln Gottes in der Welt, welcher nicht Stärke, sondern die Schwäche sucht, um dieser Schwachheit eine Stärke zu verleihen, welche über die Stärke der Welt triumphiert. Hierzu nochmals Sophie Scholl:

„Ja, wir glauben auch an den Sieg des Stärkeren, aber der Stärkeren im Geiste. Und dass dieser Sieg vielleicht von einer anderen als unserer beschränkten (so schön sie ist, klein ist sie doch) Welt mächtig wird, nein, dies wird er hier schon, aber strahlend hell von allen gesehen wird, das macht ihn nicht weniger erstrebenswert.“
An ihren Verlobten Fritz Hartnagel, 28.10.1942

Die Notwendigkeit einen harten Geist und ein weiches Herz zu haben

“Ich habe erfahren, dass ein harter Geist ohne ein weiches Herz ebenso unfruchtbar sein muss wie ein weiches Herz ohne einen harten Geist. Ich glaube, der Satz stammt von Maritain: Il faut avoir l’esprit dur et le coeur tendre. Ein Wort, das von der Seele nicht erlebt wird, ist ein totes Wort, und ein Gefühl, das nicht der Schoss eines Gedankens ist, ist vergeblich. Musik aber mach das Herz weich; sie ordnet seine Verworrenheit, löst seine Verkrampftheit und schafft so eine Voraussetzung für das Wirken des Geistes in der Seele, der vorher an ihren hart verschlossenen Pforten vergeblich geklopft hat. […] Richtig Musik hören verlangt ein ganzes Sichhingeben an sie, sein Sichlösen von allem, was mich bis jetzt noch gefangen hielt, ein kindliches Herz ohne Vernünftelei und Suchen nach Hintergedanken, und der Lohn ist ein losgelöstes Herz, ein unbefangenes Herz, ein Herz, das empfindlich geworden ist für Harmonie und das Harmonische, ein Herz, dass seine Türe geöffnet hat dem Wirken des Geistes.“
Sophie Scholl, Januar 1942

Das Zitat Maritains «Il faut avoir l’esprit dur et le coeur tendre» hat mich tief bewegt. Maritain hat dazu noch geschrieben, „dass die Welt voll von harten Herzen und weichen Birnen sei.“ Solche Menschen taugen nicht zur Zivilcourage. Weder verstehen sie, was um sie herum abgeht, noch haben sie die Opferbereitschaft, sich für etwas anderes als sich selbst einzusetzen. Wehe den harten Herzen und weichen Birnen!
Doch wenn auch nur eines der beiden fehlt, fehlt das Ganze. Denn was bringt ein weiches Herz, wenn der geschulte Geist fehlt, welcher richtig und falsch, gut und schlecht, unterscheiden kann? Und was bringt ein scharfer Geist, welcher zu Arroganz und Egoismus führt, weil ihm das weiche Herz fehlt? Kopf und Herz gehört zusammen.
Doch wie wird mein Herz weich und mein Geist hart? Sophie Scholl bringt das Zitat im oberen Abschnitt im Zusammenhang mit Musik. Musik kann das Herz weich machen. Musik spielte in der Familie Scholl eine wichtige Rolle. Nun ist nicht jeder gleich musikalisch gestimmt. Und doch liegt in der Musik, erst recht der guten Musik, eine Kraft, welche Herzen bewegen kann.
Das Weichklopfen des Herzens ist jedoch nicht nur auf Musik zu beschränken. Wo jemand von Schönheit und echter Freude erfasst wird, da wird das Herz weich. Ein Mensch, welcher sich nicht mehr staunen und freuen kann, wird hart. Wer jedoch in seinem Umfeld immer wieder Schönes, Erfreuliches und Gutes erkennt, dessen Herz wird weich.
Im Gegensatz dazu soll der Geist gestählt und geschärft werden. Ich meine damit weniger das Ansammeln von Wissen, welches durchaus positiv ist, sondern Dinge richtig zu durchdenken und dementsprechend auch zu handeln. Eine vorzügliche Art, den eigenen Geist zu schärfen und zu härten, ist das Lesen guter Bücher. Interessanterweise las Sophie Scholl ab 1941 die Schriften des Kirchenvaters Aurelius Augustinus. Einige gleichaltrige in ihrem Umfeld machten sich darum sogar über sie lustig. Zudem las sie Klassiker der deutschen Literatur und gute Bücher der Gegenwart. Ich meine, ein guter Mix aus älterer und neuerer Literatur ist hilfreich. Auch solcher Literatur, welche gerade nicht in der Mode ist.

 

Mich haben die Gedanken und das Handeln von Sophie Scholl beeindruckt. Und auch wenn wir in anderen Zeiten mit anderen Herausforderungen leben, können wir viel von ihr lernen. Auch heute braucht es Menschen mit Zivilcourage. Und damit sind nicht nur Gebildete und Verantwortungsträger angesprochen, sondern jedes Mitglied der Gesellschaft. So soll das Leben und Denken Sophie Scholls auch heute provozieren und herausfordern. Sie stand mit ihrem ganzen Leben für ihre Überzeugungen und ihr Handeln hin. Zu dieser Entschlossenheit möchte ich sie zum Abschluss selber zu Wort kommen lassen:

„Der Mensch soll ja nicht, weil alle Dinge zwiespältig sind, deshalb auch zwiespältig sein. Diese Meinung trifft man aber immer und überall. Weil wir hineingestellt sind in diese zwiespältige Welt, deshalb müssen wir ihr gehorchen. Und seltsamerweise findet man diese ganz und gar unchristliche Anschauung gerade bei den sogenannten Christen.
Wie könnte man da von einem Schicksal erwarten, dass es einer gerechten Sache den Sieg gebe, da sich kaum einer findet, der sich ungeteilt einer gerechten Sache opfert.
Ich muss hier an eine Geschichte des alten Testamentes denken, wo Mose Tag und Nacht, zu jeder Stunde, seine Arme zum Gebet erhob, um von Gott den Sieg zu erbitten. Und sobald er einmal seine Arme senkte, wandte sich die Gunst von seinem kämpfenden Volk ab.
Ob es wohl auch heute noch Menschen gibt, die nicht müde werden, ihr ganzes Denken und Wollen auf eines ungeteilt zu richten?“
In einem Brief an ihren Verlobten Fritz Hartnagel, 22.5.1940

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Wozu braucht es die Kirche noch?

Dieses Bild, welches ich selber auf einem meiner Ausflüge aufs Wertbühl im Thurgau augenommen habe, zeigt symbolisch, die aktuelle Lage der Kirche heute. Die kleine Kirche steht im Dorf. Und über ihr zieht ein heftiger Sturm auf. Dieser aufziehende Strum, der sich über die Kirche legt, wurde vor einigen Tagen in der Radiosendung von Radio SRF 1 diskutiert. Die Leitfrage der Sendung war “Wozu braucht es die Kirche noch?” Gast war ein reformierter Pfarrer, ein katholischer Generalvikar und eine Freidenkerin.

Die Freidenkerin zeigte sich angriffig und wiederholte wie ein Mantra ihre zwei Grundpositionen: Sie braucht keinen Gott um ein gutes und erfülltes Leben zu haben und sie forderte die strikte Trennung von Kirche und Staat. Und wie so oft in öffentlichen Diskussionen zur Kirche drehte sich die Diskussion über die Finanzen. Die Kirche könne eben gewisse Aufgaben besser (oder günstiger) bewältigen als der Staat. Die Freidenkerin wies darauf hin, dass man auch als säkularer Mensch sich sozial einsetzen kann. Die Kirchenvertreter wiesen allerdings zurecht darauf hin, dass die Institution Kirche zurzeit durch keine andere Institution ersetzt werden kann. So entschied auch das Stimmvolk in den letzten Abstimmungen zu Kirchenfragen für die Kirche als Institution. Diesen Angriff konnten die Kirchenvertreter überzeugend parieren. Die Kirche als soziale Institution scheint heute immer noch gebraucht und vom Volk gewollt zu sein.

Die erste Grundposition der Freidenkerin wurde von beiden Kirchenvertretern allerdings fast ohne Widerspruch akzeptiert. Ob es den Glauben an Gott wirklich braucht, scheint ganz und gar von der persönlichen Biographie und Erziehung abhängig zu sein. Die Herrlichkeit und Schönheit des christlichen Glaubens wurde dem guten und erfüllten Leben der Freidenkerin nicht entgegengestellt. Einzig der katholische Generalvikar bemerkte, dass Jesus Kraft zum Verzeihen gibt. Er sagte: “Es gibt im Christentum eine Kraft zur Versöhnung, welcher der Mensch nicht stiften kann.” Dies war die stärkste Aussage der Diskussion für die Botschaft der Kirche.

Doch es war auch eine der einzigen, welche für die Botschaft der Kirche geworben hat. Hier offenbart sich die grosse Schwäche, wenn nicht sogar das Elend, der heutigen Landeskirchen in der Schweiz. Die Kirche als Institution ist immer noch breit akzeptiert und wird geschätzt. Doch sie hat heute grosse Mühe mit ihrer Botschaft die heutigen Menschen zu erreichen. Wohl gibt es noch viele Christen in den Kirchen, welche sich engagieren aufgrund ihres Glaubens, doch der reformierte Pfarrer wies zu Recht darauf hin, dass gerade die ref. Kirche versagt hat, den Jungen den Sinn der Kirche zu vermitteln.

Dieser Punkt ist ernst zu nehmen und diese Herausforderung gilt es anzupacken. Was haben dann die christlichen Kirchen heute noch für eine einzigartige Botschaft? Ja glauben die Kirchen noch an die Einzigartigkeit und Schönheit ihrer Botschaft? Die ref. Kirchen zehren oft von ihrer Geschichte und der kulturellen Glaubenstraditionen. Man lässt sich taufen, konfirmieren, trauen und beerdigen in der Kirche, weil man dies eben in der Kirche macht, bzw. weil dies ja frühere Generationen auch gemacht haben. Wo soll man es sonst machen? Dies ist ein Grundpfeiler reformierter Glaubenspraxis, doch er bröckelt. Denn die Kirchen sind nicht mehr die einzigen unantastbaren Anbieter auf dem Markt der Religion. Selbst die Freidenker bieten heute Rituale für wichtige Lebensschwellen an. Ritualbegleiter sind am boomen. Warum also noch in der Kirche bleiben, wenn jemand anderer mir das gleiche günstiger, individueller, passender oder herzlicher bieten kann? Der Hinweis auf die soziale Leistungen der Kirche und ihr Engagement für die Schwachen greift nur bedingt, denn dies tun heute auch verschiedenste Vereine. Da kann ich geradesogut diesen meine Kirchensteuer spenden. Und so wichtig diese Leistungen und diese Engagement ist, sie stehen nicht im Kern der Kirche.

Der Kern der Kirche ist die Botschaft des Evangeliums von Jesus Christus. Diese Botschaft begründet die Kirche und daraus lebt sie. Das Evangelium ist der Pulsschlag der Kirche, daraus bezieht sie ihre Kraft zum Leben, Dienen, Leiden und Verkünden. Das Evangelium bezeugt gleichzeitig auch die Einzigartigkeit der Kirche. Es ist ihre Botschaft für die Welt. Was ist das Evangelium? Müssen wir nach 500 Jahren evangelischer Theologie wirklich bekennen, dass das Evangelium nicht mehr ist wie die plumpe Feststellung, „Gott hat dich gern, so wie du bist“? Wird das Evangelium auf diesen Satz verkürzt, wird es irrelevant. Denn die Freidenkerin wies daraufhin, dass sie diese Anerkennung von ihrer Kindern, ihrem Partner und Freunden bekommt. Sie braucht diese Anerkennung Gottes, dass er sie gern hat, nicht. Ja, was ist das Evangelium? Diese Frage gilt es heute wieder neu zu stellen. Und wie unzählige Generationen vor uns wird diese Frage auch heute nicht ohne das Wort Gottes, die Bibel, beantwortet werden können. Für die Kirche bedeutet das, dass sie sich auch heute wieder neu in die Bibel graben muss, um aus ihren Tiefen Wahrheit, Weisheit und Schönheit zum heutigen Tage zu fördern. Es mag vielen als eine Torheit erscheinen, doch ich bin der gleichen Überzeugung wie Dietrich Bonhoeffer:

„Ich glaube, daß die Bibel allein die Antwort auf alle unsere Fragen ist, und daß wir nur anhaltend und etwas demütig zu fragen brauchen, um die Antwort von ihr zu bekommen. Die Bibel kann man nicht einfach lesen wie andere Bücher. Man muß bereit sein, sie wirklich zu fragen. Nur so erschließt sie sich. Nur wenn wir letzte Antwort von ihr erwarten, gibt sie sie uns. Das liegt eben daran, daß in der Bibel Gott zu uns redet.“ DBW Band 14, Seite 144f.

Gerade für die ref. Kirchen in der Schweiz heisst es auch: „Genug vom Menschen geredet. Es wird Zeit, an Gott zu denken“ (Abram Terz-Sinjawski) Wenn es um die Zukunft der ref. Kirche geht, höre ich ev. Pfarrer und Theologen immer wieder von all den Menschen reden, welche sich (noch) engagiert in das Kirchenleben einbringen. Ich kann das nicht mehr hören. Der grösste Teil der heutigen Gottesdienstbesucher ist in 20-30 Jahren tot. Menschen kommen und gehen. Wäre das Fundament der Kirche tatsächlich in den Menschen zu suchen, wäre sie doch schon längst untergegangen. Da war doch das Schlusswort des katholischen Generalvikars ein ganz anderes und hoffnungsvolleres. So sagte er: „Kirche muss sich nicht selber retten, sondern sie ist gerettet von Jesus Christus.“

So ist über dem aufziehenden Sturm das strahlende Licht verborgen. Doch dieses Licht strahlt nicht von der Erde her, ja nicht einmal von der Kirche, sondern vom Himmel hoch, da kommt es her. Diesem Himmelslicht ist es zu verdanken, dass die Erde selbst im Sturm nicht der völligen Dunkelheit verfällt. Und die Kirche, welche den Sturm übersteht, deren Bau und Fundament fest genug ist und nicht auf Sand gebaut ist, wird auch den Sonnenschein des neuen Tages erleben. Wo ist diese Zuversicht und dieser Kampfgeist in den ref. Kirchen der Schweiz geblieben?

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Heutige Herausforderungen und Chancen des gemeinschaftlichen Lebens

Link zum 2. Teil des Interviews.

Oft begegnet man dem Gedanken: „Das ist doch etwas katholisches. Das ist gar nichts evangelisches!“ Was würdest du dazu sagen?

Ich würde sagen, es ist weder noch. Man findet es schon in der alten Kirche. Es fängt mit den Wüstenvätern an und zieht sich durch. Gewisse Teile der Reformation haben diesen Zweig eine Zeit lang abgekappt. Doch ich finde, es ist eine urchristliche Lebensform, Christus nachzufolgen. Im Lauf der Zeit hat sich die Vorstellung entwickelt, dass Menschen in Ordensgemeinschaften bessere Christen sind. Das war ein Grund, weshalb die Reformatoren diesen Ast abgeschnitten haben. Das haben sie zu recht und theologisch begründet abgelehnt. Doch das war nicht im ursprünglichen Wesen des gemeinschaftlichen Lebens drin. Es ist nicht der beste oder einzige Weg zu Christus. Christus beruft Menschen in verschiedene Lebensformen. Auch Familienleben und der eigene Beruf kann eine Berufung sein. Weiterlesen

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Um- und Aufbrüche der Diakonissen in Riehen heute

Link zum 1.Teil des Interviews.

Wie bist du auf das Diakonissenhaus hier in Riehen gekommen?

Das ist auch etwas, was nicht nur verstandesmässig ist. Mein erster Kontakt mit Riehen war meine Masterarbeit. Da habe ich auch ein Interview mit Oberin Schwester Doris gemacht. Mich hat es schon dort sehr beeindruckt. Vor allem den Weg, den die Gemeinschaft gegangen ist von ihrer Entstehungszeit, wo der Auftrag die Krankenpflege war. Man wollte so auf die Not der Zeit antworten, und daher waren die meisten Schwestern in der Pflege tätig und machten neben Spitalpflege auch das, was heute die Spitex macht. Das hat sich nach dem 2. Weltkrieg verändert, weil der Staat mehr und mehr diese Aufgaben übernommen hat, und immer weniger Schwestern eingetreten sind. Die 60er, 70er und 80er Jahre waren für alle Diakonissenhäuser eine Zeit der Krise. Es ging darum zu fragen, was ist heute unsere Berufung und unser Auftrag? Geht es darum, das Werk weiterzuführen, primär die Krankenpflege, ob mit Schwestern oder nicht? Oder soll es eher um die Gemeinschaft gehen, und dann gibt man die Pflegeaufgabe ab und überlegt sich, was heute dran ist. Die Gemeinschaft hier in Riehen hat sich stark wieder mit der klösterlichen Tradition auseinandergesetzt und in ihrer Geschichte auch diese Wurzeln entdeckt. Ende 19. und anfangs 20. Jahrhundert stand oft die Arbeit im Vordergrund. Es war eine Zeit des Aufbauens und Grösserwerdens, wo viele Schwestern eingetreten sind und in Spitäler und Gemeinden geschickt wurden. Die gemeinschaftlichen Aspekte gingen nicht vergessen, aber sie traten zurück. Diese Suchen, was „dran ist“ in der jeweiligen Zeit hat mich fasziniert. Weiterlesen

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