Der Ruhm der Theologie: Die Liebe zum Alten

“Darum gleich jeder Schriftgelehrter, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, einem Hausvater, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt.” Matthäusevangelium 13,52

Die Theologie ist auf Rollensuche. Einst die Königin der Wissenschaften, hat sie diesen Platz heute längst schon eingebüsst. Doch was sucht auch eine “christliche” Fakultät an einer Universität in einer säkularisierten Gesellschaft? Und ist nicht der Nutzen der Naturwissenschaften ein vielfaches klarer sichtbar, als jener der Theologie. Doch nicht nur an der Universität, sondern auch im Alltagsleben scheint sie nicht mehr relevant. Manch einer hat mich schon fragend angesehen, als ich ihm gesagt habe, dass ich Theologie studiere. Oder dann kam die Antwort: “Ah, Geologie, interessant…”

Hat die Theologie denn heute nichts mehr zu sagen? Hat sie keine Stärken? Hat sie keinen Ruhm? In diesem und vielleicht folgenden Beiträgen möchte ich aufzeigen, was an ihr fasziniert und worin ihr Ruhm besteht.

Der Ruhm der heutigen Naturwissenschaften ist es, dass sie ständig weiter marschieren, tiefer forschen, neues entdecken. Sie bleiben nicht stehen, sondern haben stets den Blick auf das Neue und nach vorne gerichtet. Die Theologie unterscheidet sich davon, dass sie ihren Blick zunächst nicht nach vorne, sondern zurück nach hinten richtet. Nicht das Neue will sie erforschen und erblicken, sondern das Alte. Nicht die Zukunft ist ihr bleibendes Blickfeld, sondern sie blickt auf das Bleibende. Sie muss sich nicht von Altem verabschieden, sondern immer und immer wieder wendet sie sich dem Alten zu. Darum lernt man Sprachen, welche heute keiner mehr spricht (Althebräisch, Koinegriechsch und Latein). Darum beschäftigt sie sich seit ihrem Ursprung mit dem gleichen Buch, der Bibel. Darum ist die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte so wichtig für sie. Und darum scheint sie heute so deplatziert zu sein.

Denn in unserer Gesellschaft ist altes meist weniger wert als neues. Gerade in der Computertechnik verdoppelt sich die Rechenleistung seit mehreren Jahrzehnten etwa alle 2 Jahre. Ein 10 Jahre altes Handy ist schon uralt. Ein 20 Jahre alter Computer gehört in die Steinzeit. Bei der Mode vom letzten Jahr kommen Schnäppchenjäger auf ihre Kosten. Und die News von heute sind der Schnee von gestern. Die Digitalisierung und Globalisierung schreitet stetig voran, was können uns da die Gedanken und Bücher vergangener Jahrhunderte bringen?

Wer so fragt, hat nie den frischen Wind der Jahrhunderte gespürt. Wie herrlich sind die Gedanken Calvins über die menschliche Natur in seinem Hauptwerk der Institutio. Sie sind nüchtern, herb und heilsam. Lebendiger als manches, was heute geschrieben wird. Wie kraftvoll und tröstend sind Paul Gerhardts Gedichte und Lieder. Mag die Sprache auch alt klingen, so ist nach Jahrhunderten noch mehr Saft darin enthalten, als in mancher heutigen Lyrik. Die Schönheit und den Ruhm der Theologie kann niemand verstehen, welcher noch nie Wolf Biermanns Erfahrung gemacht hat: “Wie nah sind uns manche Tote, doch wie tot sind uns manche die leben.” 

In diesem Sinne möchte ich den frischen Wind der Jahrhunderte gleich selbst zu Wort kommen lassen. 1944 schrieb C.S. Lewis ein Vorwort zum Werk De Incarnationem Verbi (Über die Menschwerdung des Wortes) des Kirchenvater Athanasius. In diesem Vorwort schrieb er:

Jedes Zeitalter betrachtet die Welt durch seine eigene Brille. Es hat für bestimmte Wahrheiten einen besonders guten Blick und ist für bestimmte Irrtümer besonders anfällig. Wir alle brauchen darum Bücher, welche die charakteristischen Irrtümer unserer eigenen Zeit korrigieren. Und das heisst alte Bücher. Alle Schriftsteller einer Epoche teilen bis zu einem gewissen Grad die Sicht ihrer Epoche – auch die, welche ihr (wie ich) scheinbar am schärfsten entgegentreten. Wenn ich die Auseinandersetzungen früherer Epochen nachlese, verblüfft mich nichts so sehr wie die Tatsache, dass gewöhnlich beide Seiten viele Dinge ohne Hinterfragen voraussetzen, die wir heute für absolut falsch erklären würden. Sie glaubten, sie stünden sich so entschieden gegenüber, wie zwei Parteien es nur können, dabei stimmten sie in Wirklichkeit die ganze Zeit un einer Unmenge von Punkten überein – sie waren miteinander eins gegen frühere und spätere Epochen. Und ganz gewiss liegt auch die typische Blindheit des zwanzigsten Jahrhunderts – die Blindheit, von der die Nachwelt sagen wird: “Aber wie konnten sie nur so etwas denken?” – irgendwo, wo wir sie nie vermuten würden, und betrifft etwas, worüber Hitler und Präsident Roosevelt oder H. G. Wells und Karl Barth problemlos miteinander einig wären.

Niemand kann dieser Blindheit ganz entgehen, aber wir fördern sie unweigerlich und schwächen unsere Abwehr, wenn wir nur moderne Bücher lesen. Soweit sie wahr sind, sagen sie uns Wahrheiten, die wir schon halbwegs wussten. Wie sie aber falsch sind, verschlimmern sie den Irrtum, an dem wir ohnehin schon gefährlich kranken. Da gibt es nur ein Heilmittel. Wir dürfen nie aufhören, den klaren, frischen Wind der Jahrhunderte durch unsere Köpfe wehen zu lassen; und das geschieht nur, wenn wir alte Bücher lesen. Nicht, dass in der Vergangenheit alles besser gewesen wäre, gewiss nicht. Die Leute waren damals nicht gescheiter als heute; sie machten genau so viele Fehler wie wir. Aber nicht dieselben Fehler. Sie bestärkten uns nicht in den Irrtümern, die wir ohnehin schon begehen; und ihre Irrtümer sind keine Gefahr mehr, da sie ja offen auf der Hand liegen. Zwei Köpfe sind besser als einer; nicht, weil dann sicher einer davon unfehlbar ist, sondern weil es unwahrscheinlich ist, dass sie beide in die gleiche Richtung fehlschlagen. Natürlich könnten uns die Bücher, die erst in Zukunft geschrieben werden, genausogut zur Korrektur dienen wie die alten, aber dummerweise stehen sie uns nicht zur Verfügung. (aus C.S. Lewis, Ich erlaube mir zu denken, 1982, S.20f.)

Damit möchte ich auf das Bibelzitat am Anfang zurückkommen. Die damaligen Schriftgelehrten, und heutigen Theologen haben den Auftrag und die Freude, aus einem Schatz Altes und Verlorengegangenes wieder emporzuheben. Darum gehört die Liebe zum Alten zur Theologie. Theologie muss sich nicht verstecken. Allerdings auch nur jene Theologie, welche sich seine eigenen Wurzeln nicht abhaut. Wer nur verächtlich über vergangene Epochen und Denker denkt und spricht, für den ist die Schönheit und der Nutzen der Theologie Unsinn. Doch er hat sich auch nicht zu wundern, wenn ihm die Irrtümer vergangener Zeiten eines Tages einholen und zu einem unsinnigen Handeln führen.

Doch Jesus spricht in diesem Vers den Theologen zu, dass sie auch Neues hervorholen. Wie geschieht das? Hier kommen wir auf die Bibel zu sprechen, welcher ich allerdings einen eigenen Beitrag geben möchte. Denn sosehr sich die Theologie in den letzten 2000 Jahren auch mit allerlei Denkern und Büchern auseinandergesetzt hat, das zentrale Gegenüber der Theologie ist und bleibt die Bibel. Darum ist sie speziell zu würdigen.

 

Und zum Schluss noch dies: Wenn auch in vielen Bereichen unseres Lebens “neu” im Vergleich zu “alt” besser abschneidet, gibt es Bereiche, in welchen sich die Liebe zum Alten bis heute gehalten hat. So ist es ein Qualitätsmerkmal eines privaten Weinkellers, wenn dieser wirklich auch einige alte Tropfen gelagert hat…

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Eine Antwort auf Der Ruhm der Theologie: Die Liebe zum Alten

  1. Nice! Go for gold dude!

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