Der Platz der Theologie an der Universität

Bei viele europäischen Universitäten, welche ab dem Mittelalter in Europa entstanden wurden, war die Kirche eine treibende Kraft für die Universitätsgründung. So erstaunt es auch nicht, dass die theologische Fakultät eine wichtige, wenn nicht zentrale Stellung an der Universität innehatte. Nicht selten entstanden Universitäten als Erweiterungen oder Nachfolger von Predigerseminaren. So war zum Beispiel die in der Reformationszeit gegründete Zürcher Prophezei der Vorläufer für die Universität Zürich. Viele amerikanische Eliteuniversitäten wie Harvard, Princeton, Yale, usw. waren Nachfolger von frommen Predigerseminaren. Gibt man Acht auf die Mottos einzelner Universitäten, trifft man nicht selten auf ein Bibelwort. Theologie war prägend und man erhoffte sich viel von ihr. So lässt auch Goethe seinen Faust sagen: „Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heissem Bemühn. Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor.“ Doch es reifte die Überzeugung heran, dass die Theologie, wenn auch hoch geschätzt, für Gelehrte eben doch wenig Ertrag brauchte. Im Gegenteil, die konfessionellen Spaltungen führten zu Abgrenzungen, Spannungen, Spaltungen und Krieg. Die Theologie mit ihren Glaubenstreitereien verlor ihre Strahlkraft. Vernunft, nicht mehr Glaube, war das höchste Gebot. Damit gewann der Stern der Philosophie an Leuchtkraft. Schaut man ins 19. Jahrhundert, so stehen die Philosophen dieses Jahrhunderts bei der VIP-Reihe der Menschheitsgeschichte in Schlange an. Im 19. Jahrhunderts kam trat zu der Philosophie die aufkommenden Naturwissenschaften hinzu. Der Mensch lernte die Kräfte der Natur durch Kenntnisse der Naturgesetze verbunden mit Technik für sich nutzbar zu machen. Mit der bahnbrechenden Entdeckung der Evolutionslehre durch Charles Darwin wurde ein völlig neues Modell zum Verstehen der Entstehung der Welt und des Menschen auf den Markt gebracht. Mit diesen beiden Faktoren war die Grundlage gelegt für den Siegeszug der Naturwissenschaften im 20. Jahrhundert. Menschliches Leben ohne Technik ist heute nicht mehr vorstellbar. Gerade auch die Entwicklung vom Computer, dem Internet bis zum heutigen Smartphone prägen unser heutiges Leben auf dieser Erde zentral.

Was trieb die Theologie während diesen Umwälzungen der letzten Jahrhunderte? Christliche Theologie fasste immer schon die ewigen Wahrheiten über Gott den Menschen und seine Welt in den verfügbaren irdischen Gefässen. Nach dem vorhandenen Wissen und den aktuellen Denkmustern wurden versucht die Fragen nach Gott, dem Menschen und seiner Welt zu beantworten. Der zentrale Gegenstand der Theologie war dabei immer die Bibel. Auch diese wurde mit den Brillen der jeweiligen Epoche gelesen, doch sie war auch der Massstab, an dem sich die aktuellen Denkmuster prüfen lassen mussten.

Wie verarbeitete die Theologie die durch Philosophie und Naturwissenschaften veränderten Denkmuster? Von Immanuel Kant drängte ein Dualismus zwischen Glaube und Vernunft/Wissenschaft in die Theologie hinein. Kant wollte dem Glauben seinen zugehörigen Platz verschaffen und darum definierte er den Bereich der Vernunft scharf. Waren nun die Stärken und Grenzen der Vernunft klar, so wurde jedoch der Glaube aus dem Bereich der Vernunft entfernt. Er war ausserhalb und über die Vernunft. Friedrich Schleiermacher, Kirchenvater des 19. Jahrhunderts, griff Kant auf, was zu einem Dualismus von Glaube und wissenschaftlicher Theologie führte. Adolf Schlatter wehrte sich zurecht gegen diese Auftrennung:

„Das ist der alte, scharfzackige Dualismus, den wir von Kant, Jakobi, Schleiermacher, Fries etc. her kennen: Der heidnischen Kopf und das fromme Herz, die atheistische Wissenschaft und die religiöse Stimmung etc.[…] Als Theologen erklärt ihr die Religion aus der Welt; als religiöse Menschen betrachtet ihr sie als Beziehung zu Gott; ihr habt als Theologen zu beweisen, was ihr als Christen verneint, als fromme Leute zu bejahen, war ihr als Theologen bekämpft.“ Adolf Schlatter, Die Bibel verstehen. Aufsätze zur biblischen Hermeneutik, 2002, Seite 132.

So kann man als Theologe „rein“ wissenschaftlich Theologie betreiben und gleichzeitig seine persönliche Frömmigkeit leben, ohne dass das eine das andere zu stark tangiert. Diese Trennung ist mir selbst schon begegnet. Manchmal scheint es mir, dass der Glaube in der wissenschaftlichen Theologie wenig zu suchen hat und dann als Pfarrer im Berufsalltag die erworbenen wissenschaftlichen Erkenntnisse kaum eine Rolle spielen. Ein Pfarrer der reformierten Landeskirche sagte mir vor einiger Zeit im persönlichen Gespräch, es sei letztendlich irrelevant, welche Briefe von Paulus geschrieben wurden und welche nicht, man predigt aus beiden gleich. Auch unter den frommen Studenten – gerade unter ihnen – macht diese Trennung von Wissenschaft und Glauben nicht halt. Ein Student, welcher in Bern und Tübingen studiert hatte, erzählte mir, dass er manchen Lernstoff schnell für die Prüfung lernte, um ihn danach gleich wieder zu vergessen, da er das Gelernte für irrelevant für den Pfarrdienst hielt.

Bis heute scheinen mir auch Welten zwischen der historisch-kritischen Leseart der Botschaft des Alten Testaments und der Verkündigung des Alten Testaments in der Kirche zu liegen. Welcher normale Kirchenbürger weiss schon von der “Genialität” der Theologen welche sich hinter den Bezeichnungen Jahwist, Elohist, Priesterschrift und Deuteronomist verstecken. Diesen Theologen gebührt doch eigentlich der Dank, dass sie verschiedenes Material aus der geschichtlichen und religiösen Umwelt des Volkes Israels zusammengenommen haben und dem Volk eine Identität, Geschichte und Entstehungsmythos gegeben haben. Provokant formuliert waren sie es, welche dem Volk Israel ihren Gott gaben. Dass ist das Fundament, auch dort, wo scheinbar Gott sich selbst ein Volk auserwähnt (Abraham, Jakob, usw.). Es ist also nicht Gott, welcher sein Volk auserwählt und zum Gegenstand seiner Liebe und Mittel seines Heils macht, sondern es ist das Volk Israel, bzw. die Schriftgelehrten, welche sich selber eine glorreiche Geschichte und einen Gott für ihr Volk bilden.

Ich kann nicht verstehen, warum diese Erkenntnis, wenn sie der Wahrheit entspricht, nicht Eingang findet in die kirchliche Verkündigung. Geschieht dies nicht, macht man sich einem, den Evangelischen verhassten, Klerikalismus schuldig. Es gibt eine Botschaft des ATs, welche unter Gelehrten zirkuliert und für welche besonderes Wissen und eine Einführung in Methodik nötig ist. Nebenbei gibt es die Botschaft des ATs, welche dem allgemeinen Kirchenvolk verkündigt wird. In der Verkündigung gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder wird so geredet, als hätten die Ereignisse des Alten Testaments tatsächlich historischen Boden, oder sie werden als lehrreiche und inspirierende Geschichten dargestellt. So oder so scheinen mir die historischen Einleitungsfragen aber keine grosse Rolle zu spielen. Man nimmt die Geschichte, so wie sie ist und ignoriert die theologische Verschiebung, welche eine historisch-kritische Leseart der Botschaft des Alten Testaments abringt.

Dieses Problem umschifft man, indem ein „garstiger Graben“ zwischen Wissenschaft und Glaube gebildet wird. Diese Trennung wird jedoch weder der Wissenschaft noch dem Glauben gerecht. Denn die wissenschaftlichen Erkenntnisse bleiben zum grössten Teil irrelevant. In der Praxis vergisst man sie. Doch echte Wissenschaft ist nicht dazu da, damit man sie vergisst. Gleichwohl scheint mir ein Glaube, welcher sich nicht an der historischen und wirklichen Realität dieser Welt orientiert, auf Dauer untragbar zu sein. Märchen mögen auch ihre Wahrheit haben und man kann viel von ihnen lernen. Doch Märchen begründen nicht ein festes Lebensfundament und erst recht keine neue Wirklichkeit, wie Christus das getan hat.

Dieses Lebensfundament und die neue Wirklichkeit in Christus aus der Offenbarung Gottes und nicht der Natur darf sich die Theologie nicht aus „wissenschaftlichen Gründen“ absprechen lassen. Vielmehr sollte sie zum Wohl der Menschheit ihren eigenen Anspruch wieder lautstark vertreten und protestieren, wenn einschränkende Weltbilder wie der Materialismus Wissenschaftlichkeit für sich Pachten und die Realität darauf reduzieren. Geht sie vor diesem Anspruch der Wissenschaftlichkeit auf die Knie, gibt sie ihr eigenes Wesen auf und versinkt in der Bedeutungslosigkeit. So findet auch Schlatter harte Worte dazu:

Jedenfalls wäre der atheistische Theologiebetrieb das sicherste Mittel, die theologischen Fakultäten zu zerstören. Wenn es einmal wirklich dahin kommt, dass unsere Studenten das Neue Testament nur so lesen wie Homer, und unsere Exegeten es erklären wie Homer mit entschlossener Ausstossung jedes auf Gott gerichteten Gedankens, dann ist es mit den theologischen Fakultäten vorbei. Adolf Schlatter, Die Bibel verstehen, 141f.

Die Theologie ist keine Naturwissenschaft und wird es nie werden oder beim Versuch daran untergehen. Doch ich bin dankbar für die Erkenntnisse der Naturwissenschaften in den letzten Jahrhunderten. Gleichwohl wehre ich mich vehement gegen jene, welche einen Absolutheitsanspruch der Naturwissenschaften vertreten und die ganze menschliche Existenz darauf reduzieren. Nicht zuletzt darum, weil mir keine Naturwissenschaft sagt, was ich tun soll. Gerade die Frage nach dem richtigen Umgang mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen beantworten die Naturwissenschaften nicht. Zudem will kein Mensch bei einer Trauerfeier hören, wie sich nun der Leib des Verstorbenen biochemisch zersetzt und welche natürlichen Prozesse dabei alles ablaufen. Nein, diese Welt ist viel zu grossartig, vielfältig und wirklich, dass man nur naturwissenschaftlich erforscht und durchdenkt. Hier hat die Theologie ihren entscheidenden Platz. Sie tut besser daran, sich an ihre eigenen Wurzeln zu erinnern und soll diese in dieser heutigen Zeit wieder von neuen zum Leuchten zu bringen.

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