Eine „Anleitung“ zum Eintreten in ein „Kloster“

Während meinem Besuch im Diakonissenhaus Riehen im September hatte ich die Möglichkeit, mit Sr. Delia Klinger ein längeres Interview zu führen. Sie ist das neuste und jüngste Schwester des Diakonissenhauses und inzwischen als Novizin aufgenommen worden. An dieser Stelle möchte ich ihr gerade auch danken, dass sie mir Rede und Antwort gestanden ist. Ich habe das Interview in drei Teile zu Sr. Delia’s Biographie, dem Diakonissenhaus in Riehen und kommunitären Gemeinschaften heute unterteilt.

 

Vielen Dank Delia, dass wir dieses Interview zusammen machen können. Ich möchte gleich mit der ersten Frage beginnen: Kannst du dich kurz vorstellen?

Ich bin Delia Klinger und zuerst im Thurgau aufgewachsen, in der Nähe von Schaffhausen. Dann sind wir in den Aargau umgezogen. Das war mein erster kleiner Kulturschock, weil ich dann das Zungen-R lernen musste. Ich bin mit zwei Geschwistern aufgewachsen und damit der Schinken im Sandwich. Ich habe im Aargau meine ganze Schulzeit gemacht und bin dann fürs Theologiestudium nach Basel gegangen, mit der Vorstellung, dass ich gleich nach dem Studium ins Pfarramt gehen würde. Während des Studiums hat mir vor allem die alttestamentliche Exegese extrem Freude gemacht. Ich hatte dann die Möglichkeit, eine Assistenzstelle in Erlangen anzutreten und eine Doktorarbeit zu machen und dort zu arbeiten als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Das habe ich 4 Jahre gemacht. Danach ging ich zurück in die Schweiz ins Vikariat und habe dann zwei Jahre im Pfarramt in Fribourg gearbeitet. Nach dem Pfarramt kam ich nach Riehen, um das Postulat bei den Diakonissen zu beginnen. Dies ist eine Art Probejahr, wo man sich gegenseitig prüft, ob dies der Weg ist. Ich wohnte schon mitten in der Gemeinschaft mit den Schwestern in den gleichen Lebensbedingungen. Am Samstag (16.9.2017, Anm. d. Interviewers) steht dann der Eintritt ins Noviziat an.

Genau. Du wirst übermorgen als Novizin in die Gemeinschaft aufgenommen. Was bedeutet das genau?

Novizin ist ein Begriff, der aus der klösterlichen Tradition kommt. Ein Novize ist jemand, der neu ist, wovon das Wort auch kommt. Er ist der Neuling im klösterlichen Leben. Das ist ein Begriff für die erste Zeitspanne einer Person, welche ins Kloster eintritt. Diese Zeitspanne ist je nach Gemeinschaft unterschiedlich lange. Es ist eine Zeit, in der man schon in die Gemeinschaft eingetreten ist als Schwester, aber noch nicht eingesegnet ist, also noch nicht das definitive Ja gegeben hat. Man kann eine Analogie zur Verlobung machen. Das Noviziat soll auch eine Schulungszeit sein. So hat man auch Unterricht.

Wie kamst du auf diesen Entschluss, das Postulat und nun das Noviziat in Angriff zu nehmen?

Zuerst ging es gang langsam über viele Jahre und dann plötzlich ganz schnell. Ich habe diesen Ruf schon ziemlich früh gemerkt. Es hat mich schon angezogen, als ich noch im Gymnasium war. Doch ich habe gedacht, ich bin der einzige Protestant weit und breit, welcher so etwas denkt. Ich habe gedacht, vielleicht ist es auch jugendliche Schwärmerei, und bin dem nicht weiter nachgegangen. Ich hätte auch nicht gewusst, mit wem ich über so etwas reden kann. Man stelle sich vor, ich bin 18 oder 19 Jahre alt… Ich habe mich nicht getraut meiner Familie oder meinen Freunden davon zu erzählen. Die hätten darüber gelacht und das komisch gefunden.

Doch das Thema hat mich viele Jahre innerlich bewegt und ich habe versucht, das Thema mit einer Masterarbeit intellektuell abzuarbeiten. Ich habe damals in England studiert. Meine Masterarbeit handelte vom Selbstverständnis von Ordensgemeinschaften im Protestantismus, und ich habe auch mit Interviews gearbeitet. Ich hatte zuerst gedacht, damit hätte ich das Thema erledigt. Doch es hat echt Spass gemacht, diese Interviews zu führen und hat die Sehnsucht in mir nur verstärkt. Aber ich wusste immer noch nicht, wie man dies angeht. Ich wollte auch mein Studium weiterführen und habe meine Freude an der Exegese entdeckt. So hatte ich die Möglichkeit, die akademische Berufswelt kennenzulernen. Diese Erfahrung fand ich sehr bereichernd und ich möchte sie nicht missen. Das Ende meiner Zeit in Deutschland war auch eine Zeit in der schwere Krankheiten in meiner Familie auftraten, und es einen Todesfall gab. Wenn man mit solchen Dingen konfrontiert ist, dann macht man sich Gedanken, worauf es wirklich ankommt. Was zählt wirklich?

Dann drängte sich mir die Frage wieder auf. Ich war gegen 30 Jahre alt. Das ist so der Zeitpunkt im Leben, wo man die Lehr- und Wanderjahre zu Ende hat und längerfristige und grundlegende Lebensentscheidungen anstehen. Aber ich wollte auf jeden Fall das Vikariat machen. Das war mein ursprüngliches Ziel als ich das Theologiestudium angefangen habe. Ich wollte auch gewisse Berufserfahrung haben im Pfarrberuf. Es war für mich eine Fügung von Gott, dass ich im Vikariat eine andere Frau in meinem Alter kennengelernt habe. Wir kamen miteinander ins Gespräch und haben herausgefunden, dass wir uns beide für Ordensgemeinschaften interessieren. Wir beide trugen den Gedanken in uns, diesen Weg einzuschlagen. Sie hat ihr Vikariat in Basel gemacht und kannte darum auch den Kirchenkuchen der Region. Sie hat es so eingefädelt, dass ich bei einem Besuch in Kontakt mit dem Münsterhüsli kam. Dort ist auch Schwester Esther vom Diakonissenhaus Riehen tätig, welche ich zu einem Gespräch traf. Ich wollte wissen, wie man herausfinden kann, dass dies wirklich meine Berufung ist und nicht eine Schwärmerei. Mir war es wichtig, wenn ich so etwas mache, dann wollte ich mir so weit wie möglich sicher sein, dass das der Weg ist. Ich hatte ein sehr gutes Gespräch mit Schwester Esther. Dann ging es schnell. Sie organisierte, dass ich Schwester Doris, die Oberin des Diakonissenhauses Riehen, treffen konnte. Dies war während der zweiten Hälfte des Vikariates. Vor dem Postulat gibt es eine Zeit, welche man Kandidatur nennt. Dies ist eine gegenseitige Kennenlern- und Prüfzeit. Man ist schon mit der Gemeinschaft in Kontakt und hat regelmässige Begleitgespräche mit einer Schwester, doch man bleibt im Berufsleben. Erst während dem Postulat übernimmt man eine Arbeit in der Gemeinschaft und zieht hierher. Und ich habe diese Kandidaturzeit während meiner zweijährigen Pfarrstelle in Fribourg angetreten. Ich habe mehr und mehr gemerkt, dass es mich hierher zieht, und dass es meine Berufung ist, als Schwester in einer Gemeinschaft zu leben. Es ist schwierig, dies in Worten zu beschreiben. Der Verstand ist auch involviert, aber es ist nicht eine rein rationale Entscheidung. Es ist keine Checkliste, was ich in meinen Leben machen will. Es ist auch nicht eine reine Gefühlssache. Für mich war es etwas, was den ganzen Menschen betrifft. Ein Eindruck der Stimmigkeit. Ich habe gemerkt, das passt. Das ist es. Darum habe ich den Antrag gestellt, ins Postulat aufgenommen zu werden, bin hierher gezogen und habe hier angefangen.

Wie hat dein Umfeld reagiert?

Sie waren am Anfang überhaupt nicht begeistert. Im Aargau gibt es kaum Klöster, und meine Familie hat keinen Bezug zu Kommunitäten. Es ist etwas Exotisches. Gewisse Personen hatten dann auch irgendwelche Vorstellungen von Nonnen und Klöster. Halt Vorurteile und Klischees. Und es hängt immer auch davon ab, welche Haltung zum Glauben eine Person hat. Diejenigen, welche auch einen Bezug zum Glauben haben, konnten mich eher noch verstehen als solche, welche mit Gott gar nichts anfangen können. Denn das ist ja das wichtigste im Ganzen, ohne Gott macht diese Lebensweise keinen Sinn. Jemand, der Atheist oder Agnostiker ist, kann das weniger gut nachvollziehen. Er kann es höchstens verstandesmässig nachvollziehen, dass es für mich so wichtig ist. Meine Familie war schon sehr überrascht. Ich behielt meine Gedanken lange für mich, und von dem her wurden sie ein bisschen vor vollendete Tatsachen gestellt. Für gewisse war es ein Schockmoment. Andere befürchteten, dass ich jetzt meine ganze Ausbildung wegwerfe, vor allem weil ich jetzt im Postulat vorwiegend im Bereich Hauswirtschaft gearbeitet habe. Es gab auch die Befürchtung, dass ich jetzt meine Freiheit aufgebe, oder die Angst, mich zu verlieren, weil ich hinter den Klostermauern verschwinden würde.

Es gab auch Leute, welche meine Entscheidung auch nachvollziehen können, vor allem wenn sie einmal hierherkommen und sehen, wie es hier ist. Dann kann man auch seine bisherigen Vorstellungen korrigieren. Viele haben Klischeevorstellungen aus Filmen oder Büchern.

 

Link zum 2. Teil des Interviews.

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