Heutige Herausforderungen und Chancen des gemeinschaftlichen Lebens

Link zum 2. Teil des Interviews.

Oft begegnet man dem Gedanken: „Das ist doch etwas katholisches. Das ist gar nichts evangelisches!“ Was würdest du dazu sagen?

Ich würde sagen, es ist weder noch. Man findet es schon in der alten Kirche. Es fängt mit den Wüstenvätern an und zieht sich durch. Gewisse Teile der Reformation haben diesen Zweig eine Zeit lang abgekappt. Doch ich finde, es ist eine urchristliche Lebensform, Christus nachzufolgen. Im Lauf der Zeit hat sich die Vorstellung entwickelt, dass Menschen in Ordensgemeinschaften bessere Christen sind. Das war ein Grund, weshalb die Reformatoren diesen Ast abgeschnitten haben. Das haben sie zu recht und theologisch begründet abgelehnt. Doch das war nicht im ursprünglichen Wesen des gemeinschaftlichen Lebens drin. Es ist nicht der beste oder einzige Weg zu Christus. Christus beruft Menschen in verschiedene Lebensformen. Auch Familienleben und der eigene Beruf kann eine Berufung sein.

Man kann deshalb auch als Reformierter in einer Gemeinschaft leben. Doch man merkt, dass nicht die gleiche Kontinuität wie auf der katholischen Seite vorhanden ist, wo es immer Klöster gab.

Wie merkt man das?

Das merkt man im kirchlichen Bewusstsein. Auf katholischer Seite ist die Existenz von Orden viel stärker verwurzelt. Bei den reformierten kommt es auf die Kantonalkirche drauf an. In Basel haben sie uns schon auf dem Schirm. In anderen Kantonen und Kirchgemeinden ist es viel weniger präsent. Beim Schreiben meiner Masterarbeit merkte ich, dass es bei den Protestanten wirklich so war, dass sie am Anfang auf extrem viel Widerstand stiessen. Auch aus kirchlichen Kreisen. Man hatte das Gefühl, es sei etwas katholisches. Man merkt bei den Quellen dieser Zeit, wie man versuchte, es nicht zu katholisch erscheinen zu lassen. Bei der Wortwahl wurden Eiertänze gemacht. Die grösste Ironie war es, dass gewisse Gemeinschaften versucht haben, sich über ihre Werke zu rechtfertigen und zum Grunde ihrer Existenz zu machen. Dabei war es gerade die Reformation, welche sich vehement gegen Werkgerechtigkeit gewehrt hatte. Doch die Werke waren oftmals die Türe zur Akzeptanz. Dadurch haben Gemeinschaften eine gewisse Akzeptanz in ihren Kirchen gefunden. Erst in einem zweiten Schritt sah man, was an gemeinschaftlichem Leben dahinter steckt.

Du hast die Säkularisierung unserer Gesellschaft schon angesprochen. Hier sitzen Kirche und Gemeinschaften ja im gleichen Boot. Was könnte die Kirche heute von den bestehenden Gemeinschaften lernen?

Was man sicher lernen kann – und das müssen wir auch lernen – dass wir uns als Christen vernetzen. Dass wir uns gegenseitig bestärken und ermutigen in unserem Leben. Gerade in einer säkularen Gesellschaft ist es wichtig, sichtbar zu sein. In unserer deutschschweizer Mentalität ist Glauben ein intimes und privates Thema, welches man möglichst gar nicht ansprechen will. Und man will es auch möglichst nicht nach aussen zeigen. Die Schweizer haben oft Hemmungen, über ihren Glauben zu sprechen. Da können wir ein Zeichen sein, dass Glaube sichtbar sein kann und auch soll. Nicht nur äusserlich, sondern auch in der Art und Weise, wie wir leben. Die Werte, die aus dem Glauben kommen, sollen wir versuchen umzusetzen. Mit allen Fehlern, die man auch macht. Hier hoffe ich schon, dass wir Christen ein Zeugnis sind mit unserem Leben. Hier hilft es, wenn man sich gegenseitig vernetzt, weil wir in vielen Gebieten keine Mehrheit sind. Der Austausch, die Unterstützung im Gebet und die konkrete Hilfe können sehr stärkend sein.

Ein zweites, was man von den Gemeinschaften lernen kann, ist die Regelmässigkeit im Tagesablauf. Man soll sich bewusst feste Zeiten einplanen, um sich auf Gott auszurichten. Das Suchen und Dranbleiben im Glauben sollen wir mit dem Mitmenschen tun. In der Gemeinschaft wählen wir uns nicht die Leute aus, sondern man ist ein stückweit zusammengewürfelt. Man hat nicht nur die Leute, welche genauso ticken, wie man selbst. Im normalen Alltag passiert es immer wieder, dass man mit Leuten zu tun hat, welche ganz anders ticken. Nicht einfach denken: Was für ein Depp! Sondern man soll versuchen, Christus auch in diesem Menschen zu sehen. Dies finde ich etwas ganz wichtiges. Natürlich ist das eine riesige Herausforderung, doch es kann auch viel passieren, wenn man Gottes Wirken Raum gibt. Auf diese Weise kann man ein Zeichen für Christus sein.

Parallel dazu noch eine ähnliche Frage. Was könnte denn die säkulare Gesellschaft von den Gemeinschaften lernen?

Sicher die Wichtigkeit des Innehaltens. Dass man nicht nur leistet, leistet, leistet. Der Mensch soll nicht zuerst über seine Leistung oder sein Aussehen definiert werden.

Zum anderen das Suchen nach einem guten Miteinander. Nach Versöhnung, wenn es Konflikte gibt. Auch in einer säkularen Gesellschaft ist es gut, wenn Menschen sichtbarer Religion begegnen und sich überlegen: Was ist für mich wichtig? Glaube und Religion soll sichtbar sein im Alltag. Das mag für manchen auch ein Ärgernis sein, doch ich finde es nicht schlecht, dass man die Leute herausfordert nachzudenken, was für sie wichtig ist.

Was gehört bei Gemeinschaften zum unverzichtbaren Kern, und wo kann man sich verändern und der Zeit anpassen?

Das ist jede Gemeinschaft stetig am Suchen und Überprüfen. Da findet man nie eine ein für-allemal abgeschlossene Antwort. Es ist ein Prozess und etwas fortlaufendes. Vor dieser Frage steht man immer. Was ist jetzt dran in der veränderten Situation? Man hat immer auch ein Erbe aus der Vergangenheit, welches beide Seiten hat. Es gibt wertvolles, aber auch Dinge, die man mitschleppt. Diese können belastend sein, und sind nicht freiheits- und lebensfördernd. Doch es gibt eben auch das wertvolle. Was vielleicht heute gerade fehlt oder nicht mehr da ist.

In einer Gemeinschaft gibt es immer beides. Es gibt Dinge, wo man sich bewusst auf die eigene Zeit einlassen muss. Zudem ist man selbst ja immer auch geprägt von der eigenen Zeit. Doch es gibt auch Dinge, wo man nicht mit dem Zeitgeist gehen muss. Nicht alles, was jetzt Mode ist, ist gut und wird auch in 10 oder 15 Jahren noch Mode sein. Man muss die Balance zwischen den zwei Extremen finden, was oft ganz schwierig ist. Man geht völlig in der Zeit auf und verliert so Gott aus den Augen. Oder im Gegenteil kapselt man sich in eine Parallelwelt ab.

Diesen Weg muss eine Gemeinschaft zusammen gehen. Es kann nicht einer einfach entscheiden, wo es lang geht. Darum ist es oft ein schwerfälliger und langsamer Prozess. Doch in gewissen Dingen ist dies auch ein Schutz, denn es bewahrt vor Schnellschüssen.

Es ist auch wichtig, sich die Zeit zu lassen. Auch dort, wo es drängt. Es ist wichtig, immer wieder auf Gott zu hören. Was ist von Ihm her dran. Wir sind Teil einer Kultur. Doch wo können wir bewusst ein Zeugnis sein für etwas anderes, z.B. gegenüber einer übersteigerten Leistungsvorstellung, wo Menschen nur noch über ihre Leistung definiert werden. Da finde ich es wichtig, dass wir ein Menschenbild leben, welches den Menschen nicht über seine Schönheit oder Leistung definiert. Da finde ich es wichtig, dass man nicht mit dem Zeitgeist mitgeht. Der Mensch hat von Gott her seine Würde, egal was er leistet oder nicht leistet.

Was wären für dich unersetzbare Elemente des gemeinschaftlichen Lebens?

Die regelmässigen Gebetszeiten in der Gemeinschaft. Doch auch das eigene Gebet, welches jedoch in der eigenen Verantwortung liegt. Das ist für mich etwas ganz wichtiges. Für unsere Gemeinschaft sind es auch die Evangelischen Räte, die dazu gehören. Ganz einfach gesagt braucht es die Orientierung auf Gott hin und auf die Bibel hin. Ohne das würde es nicht gehen. Wenn Gott und die Bibel keine Rolle mehr spielen, dann würden wir zu Recht sterben. Das ist der Grund des Ganzen.

Ich habe eine letzte Frage. Mein Blog heisst brotundwein.ch. Was verbindest du mit Brot und Wein? Vielleicht hast du auch eine Geschichte, welche du erzählen möchtest.

Bei Wein muss ich immer lachen, weil ich selber der absolute Weinbanause bin, obwohl ich in einem Weinbauerndorf aufgewachsen bin und auch beim Wümmet mitgeholfen habe. Doch ich fand es ganz schlimm, dass man die Trauben zu Wein und nicht zu Tafeltrauben verarbeitet hat.

Doch wenn ich Brot und Wein höre, dann denke ich an den Freitagmorgen, wo wir in unserer Gemeinschaft Abendmahl feiern. Das ist etwas ganz wichtiges für das geistliche Leben. Jesus hat uns diese Zeichen mit Brot und Wein gegeben. Es sind ja Grundnahrungsmittel als Zeichen, dass Gott unsere Grundversorgung ist. Es geht ums Ganze um die Existenz. Im Alltag fällt mir ein, wie schwierig es in der Küche ist, die richtige Menge Brot abzuschätzen. Und was macht man mit dem Brot, welches schon hart geworden ist? Wie kann man das wieder unter die Leute bringen? Das sind die alltagspragmatischen Dinge.

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