Kommunitäten als Zeugen für die Kraft des gemeinsamen Gebets

Ich hatte Mitte September die Möglichkeit die Diakonissen in Riehen für einige Tage zu besuchen und in ihre Gemeinschaft hineinschauen. Das Leben in Glaubensgemeinschaften, wie es in Klöstern und Kommunitäten gelebt wird, fasziniert mich schon länger. Es gibt sehr wohl eine grosse Vielfalt kommunitärer Gemeinschaften. Eines hat jedoch in allen Kommunitäten höchste Wichtigkeit und ist gerade auch das, was mich am stärksten fasziniert. Es sind die gemeinsamen Gebetszeiten.

Wohl in allen christlichen Kommunitäten strukturiert das gemeinsame Gebet den Tagesablauf und prägt der Gemeinschaft einen Stempel auf. Die Gebetszeiten werden immer zur gleichen Tageszeit angesetzt. Das Grundgerüst der Gebete wiederholt sich meist wöchentlich. Die Liturgie der Gebetszeiten ist von Kommunität zu Kommunität unterschiedlich, doch es sind drei Kernelemente zu nennen:

  1. Gemeinsames Singen von Liedern
  2. Gemeinsames Lesen oder Singen von Psalmen
  3. Lesung aus der Bibel

Im Diakonissenhaus Riehen gibt es drei Gebetszeiten, welche jeweils vor den Tagesmahlzeiten stattfinden. Jede Woche gibt es ein Wochenlied aus dem Reformierten Gesangbuch und einen Wochenpsalm, welche wiederholt gesungen und gebetet werden. Es ist also eine hohe Konstanz vorhanden. Ich selber fand mich sehr schnell darin zurecht. Vielleicht ist es anfangs noch peinlich, wenn man da oder dort den Einsatz verpasst. Doch hat man in die Gebete hinein gefunden, wird die Schönheit und Kraft dieser Gebetszeiten offensichtlich.

Da geschieht etwas, was ich in dieser Tiefe und Schönheit bisher nur in Kommunitäten erlebt habe: Das Gebet des Einzelnen wird getragen vom Gebet der Gemeinschaft. Natürlich besteht das Gebet der Gemeinschaft aus den Gebeten der Einzelnen. Doch der Einzelne bleibt nicht allein, sondern er wird getragen von der Gemeinschaft. Paradoxerweise führen gerade die einheitliche Struktur und die Eingrenzung des individuellen Gebets dazu, dass man in eine grosse Freiheit geführt wird. Dies mag für manch heutiges Freiheitsverständnis ein Widerspruch sein, doch es ist eine tiefe biblische Wahrheit, welche solch ein Freiheitsverständnis überdauern wird. Es ist die Freiheit, dass man nicht muss, sondern darf und kann. Es ist die Freiheit, dass nicht ich das Gebet tragen und mich abmühen muss, sondern dass mein Gebet vom gemeinsamen Gebet getragen wird.

Nun könnte man dies gut auch soziologisch begründen. Viele sehen sich ja überhaupt nicht als Solosänger, und sind doch ganz gute Chorsänger. Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen. Gemeinsam sind wir stark! Doch das gemeinsame Gebet bleibt nicht innerweltlich. Christliches Gebet richtet sich an Gott. Und es ist eine christliche Grundüberzeugung, der Gott der Vater, Sohn und Heilige Geist, Gebete erhört. Ja mehr noch, Jesus Christus selbst sprach die bekannten Worte: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20) Wo zusammen gebetet wird, ist Jesus Christus, der Sohn Gottes, durch den Heiligen Geist anwesend! Wo zusammen gebetet wird, ist Gott gegenwärtig. Was für eine Zusage! Die Grenzen der materiellen Welt werden gesprengt und das Tor zur Gegenwart Gottes öffnet sich.

Die Gegenwart Gottes verändert Menschen und damit auch Gemeinschaften. Während meinem Besuch bei den Schwestern in Riehen haben mir verschiedene Schwestern erzählt, dass die Kapelle und die Ausrichtung auf Jesus Christus in den gemeinsamen Gebeten zum Herz der Gemeinschaft gehört (als zweites folgte dann oft der Esssaal). So ist auch der Leitspruch des Diakonissenhauses in Riehen seit seiner Gründung 1852 derselbe geblieben: „Jesus Christus ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit“ (Hebr 13,8). Diese gemeinsame Fokussierung auf Jesus Christus im Gebet ist spürbar in der Gemeinschaft. Nicht in dem Sinn, dass es keine Reibereien, Meinungsverschiedenheiten und Charakterköpfe unter den Schwestern gibt. Ich bin aber überzeugt davon, dass die Gemeinschaft der Diakonissen durch das Gebet geheiligt wird. Aus dem Gebet kommt die Kraft und Erneuerung, welche für den Alltag untereinander gebraucht werden.

In solch eine Gemeinschaft kann man als Gast eintauchen. Darum tun Christen tun gut daran, Kommunitäten nicht links liegen zu lassen. Ich sehe in Kommunitäten ein enormes Potential. Es sind Hochburgen christlicher Frömmigkeit in Zeiten, wo selbst Christen stark säkular geprägt werden. Ein Mitglied des Drittordens des Diakonissenhauses erzählte mir von seinem katholischen Freund, welcher sich jedes Jahr eine Woche in ein Kloster zurückzieht. Nach dieser Woche kehrt er jeweils wie verwandelt zu seiner Frau zurück. Verwandelt durch die Kraft des „Ora et Labora“ und neu erfrischt von dem, welcher die Mühseligen und Beladenen zu sich ruft, und sie immer wieder neu erquickt.

 

 

 

 

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