Um- und Aufbrüche der Diakonissen in Riehen heute

Link zum 1.Teil des Interviews.

Wie bist du auf das Diakonissenhaus hier in Riehen gekommen?

Das ist auch etwas, was nicht nur verstandesmässig ist. Mein erster Kontakt mit Riehen war meine Masterarbeit. Da habe ich auch ein Interview mit Oberin Schwester Doris gemacht. Mich hat es schon dort sehr beeindruckt. Vor allem den Weg, den die Gemeinschaft gegangen ist von ihrer Entstehungszeit, wo der Auftrag die Krankenpflege war. Man wollte so auf die Not der Zeit antworten, und daher waren die meisten Schwestern in der Pflege tätig und machten neben Spitalpflege auch das, was heute die Spitex macht. Das hat sich nach dem 2. Weltkrieg verändert, weil der Staat mehr und mehr diese Aufgaben übernommen hat, und immer weniger Schwestern eingetreten sind. Die 60er, 70er und 80er Jahre waren für alle Diakonissenhäuser eine Zeit der Krise. Es ging darum zu fragen, was ist heute unsere Berufung und unser Auftrag? Geht es darum, das Werk weiterzuführen, primär die Krankenpflege, ob mit Schwestern oder nicht? Oder soll es eher um die Gemeinschaft gehen, und dann gibt man die Pflegeaufgabe ab und überlegt sich, was heute dran ist. Die Gemeinschaft hier in Riehen hat sich stark wieder mit der klösterlichen Tradition auseinandergesetzt und in ihrer Geschichte auch diese Wurzeln entdeckt. Ende 19. und anfangs 20. Jahrhundert stand oft die Arbeit im Vordergrund. Es war eine Zeit des Aufbauens und Grösserwerdens, wo viele Schwestern eingetreten sind und in Spitäler und Gemeinden geschickt wurden. Die gemeinschaftlichen Aspekte gingen nicht vergessen, aber sie traten zurück. Diese Suchen, was „dran ist“ in der jeweiligen Zeit hat mich fasziniert.

Während meines Vikariats hat sich dann der Kontakt mit Schwester Esther von der Gemeinschaft hier ergeben. Und ich hatte den Eindruck der Stimmigkeit. Es passt, es hier zu versuchen und zu prüfen. Ich habe gemerkt, es hat diese Stimmigkeit, darum habe ich es auch hier gemacht.

Wo liegt heute der Fokus der Diakonissen hier in Riehen?

Auch schon in der Gründungszeit war es das Grundanliegen oder die Grundmission, auf die Not der Zeit zu antworten. Um 1850 herum war dies die soziale und gesundheitliche Not. Es gab keine gute Krankenversorgung, vor allem bei ärmeren Leuten. Im Lauf der Zeit hat man gemerkt, dass es nicht mehr so nötig ist, weil der Staat oder andere Institutionen diese Aufgabe übernahmen. Man hatte auch nicht mehr genügend Schwestern und konnte gar nicht mehr alles abdecken. Auch nach dem 2. Weltkrieg waren die Schwestern aus Riehen noch in der ganzen Schweiz tätig. In Riehen gab es auch eine der ersten Krankenpflegeschulen, auch für Leute, die nicht Schwestern waren.

Man hat sich dann gefragt, was heute die Not der Zeit ist. In der Schweiz haben die meisten Menschen materiell relativ viel, oder zumindest genug zum Leben. Der Grossteil der Bevölkerung lebt in sicheren Umständen. Wir haben auch einen Staat, welcher sicher ist und eine gewisse soziale Absicherung gibt. Aber ich habe das Gefühl, es gibt viele innere Nöte. Wir leben in einer Zeit, welche extrem leistungsorientiert ist, und wo ein grosser Druck herrscht. Alles muss „zack, zack, zack“ gehen.

Wenn man unser Jahresprogramm anschaut, liegt zurzeit der Schwerpunkt auf der Begegnung mit Gästen. Das GDZ soll ein Ort der Begegnung sein, wo Leute innehalten können und sich wieder bewusst auf Christus ausrichten können. Ich habe den Eindruck, dass dies die Not der Zeit ist. Dass wir vor lauter Alltagsgewusel aus dem Blick verlieren, worauf es wirklich ankommt. Viele Menschen leiden unter dem Stress, der Hektik und unter den vielen Anforderungen, welche die Gesellschaft, oder man selbst, an sich stellt. Hier kann man Menschen Hilfestellung bieten, indem sie hierher kommen können. Sie können an Angeboten teilnehmen, Seelsorge in Anspruch nehmen, oder einfach hierherkommen und in diesem Rhythmus leben. Man hat den Rhythmus der Tagzeitengebete und dazwischen Zeit, etwas zu reflektieren oder zu verdauen. Hier würde ich im Moment einen Schwerpunkt sehen. Aber ob man nun Krankenpflege oder was anderes macht, die Hauptsache ist, dass es ein Zeugnis sein soll für Jesus Christus. Das ist das Grundanliegen. Wir wollen mit dem, was wir machen unseren Glauben und Jesus Christus bezeugen.

Ich habe verschiedene Personen schon gefragt, was das Herz dieser Gemeinschaft ist. Was ist für dich das Herz dieser Gemeinschaft?

Das Herzstück ist die Kapelle. Sie ist auch schon architektonisch im Mutterhaus mittendrin, und für mich sind diese gemeinsamen Gebetszeiten wichtig. Wir machen uns bewusst, dass wir uns gemeinsam auf Christus ausrichten. Das tun wir auf der einen Seite als Einzelne. Manchmal verzettle ich mich im Alltag und verliere Christus aus dem Blick. Mir hilft es, in der Gebetszeit in der Kapelle zu sitzen, das Kreuz an der Wand anzuschauen und mich wieder auf Christus auszurichten. Darauf kommt es an, auch im Alltag. Und das finde ich eben auch wichtig als Gemeinschaft. Natürlich ist Christus überall, nicht nur in der Kapelle, aber es ist ein Ort, wo wir uns Christus wieder besonders bewusst machen und uns auf ihn ausrichten können.

Das ist das Herz, doch es hat noch Ableger. Ein weiterer Ableger ist der Speisesaal. Das gemeinsame Essen, oder wenn wir etwas feiern, dann findet es im Speisesaal statt. Dort findet Gemeinschaft und Begegnung statt.

Spannend. Schwester Elisabeth hat genau auch diese beiden Orte genannt. Was sind die heutigen Herausforderungen, welche sich der Gemeinschaft stellen?

Herausforderungen hat man immer wieder auf allen Ebenen. Das Grundsätzliche, der Lebenspuls der Gemeinschaft ist die Ausrichtung auf Christus. Dies müssen wir uns immer wieder bewusst machen und wir müssen uns auch bemühen, dies zu suchen. Als Individuen und als Gemeinschaft kann man immer wieder in die Gefahr kommen, dass man sich zu sehr in Aufgaben verzettelt. Das muss man noch erledigen, das könnte man noch machen. Es besteht die Gefahr, die Orientierung an Christus zu verlieren. Wir müssen zuerst fragen: Was ist dran von Gott her? Was sind die Nöte der Zeit heute, auf die wir mit unseren Möglichkeiten antworten können? Wir können nicht den Weltfrieden herstellen. So schön das auch wäre, das geht nicht. Wir sind begrenzt. Die Realität ist so, dass zumindest hier in Europa viele Gemeinschaften nicht mehr viel Nachwuchs haben. Das Durchschnittsalter ist eher hoch. Doch man weiss nie genau, was die Zukunft bringt. Ob sich das wieder ändert? Wenn man die Kirchengeschichte anschaut, dann gab es immer wieder Wellen. Es gab Epochen mit sehr wenig Nachwuchs im Ordensleben. Dann Epochen wie das 19. Jahrhundert, wo es eine Explosion gab. In anderen Gegenden der Welt ist es auch nicht gleich. Dort sieht es ganz anders aus.

Hier in der Schweiz haben wir auch die Herausforderung, dass die Gesellschaft zunehmend säkular wird. Die Präsenz des Religiösen ist nicht einfach selbstverständlich. Das ist eine grosse Chance und Herausforderung. Gerade auch weil wir eine Gemeinschaft sind, welche eine Tracht hat. Gemeinschaften, welche Zivil herumlaufen, fallen weniger auf. Wir fallen auf. Es löst auch Reaktionen des Gegenübers aus.

Das sind Herausforderungen auf struktureller Ebene, wo man fragen muss, was ist dran mit dem was wir haben? Nach innen ist es dieses „sich bewusst auf Gott ausrichten“. Wie können wir dieses gemeinsame Leben mit Leuten leben, die man sich nicht selber ausgesucht hat? Wo es auch menschliche Reibungen gibt. Wo verschiedene Generationen unter einem Dach zusammenleben. Wo es verschiedene Temperamente gibt. Wo man immer wieder das Miteinander suchen muss und will. Das ist eine wichtige Aufgabe, die wir haben. Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, die andere Schwester ist genauso von Christus berufen, auch wenn sie mir schon wieder auf den Nerv geht. Man ist nicht nur eine grosse komische Frauen-WG, sondern es ist mehr dahinter.

 

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