Wozu braucht es die Kirche noch?

Dieses Bild, welches ich selber auf einem meiner Ausflüge aufs Wertbühl im Thurgau augenommen habe, zeigt symbolisch, die aktuelle Lage der Kirche heute. Die kleine Kirche steht im Dorf. Und über ihr zieht ein heftiger Sturm auf. Dieser aufziehende Strum, der sich über die Kirche legt, wurde vor einigen Tagen in der Radiosendung von Radio SRF 1 diskutiert. Die Leitfrage der Sendung war “Wozu braucht es die Kirche noch?” Gast war ein reformierter Pfarrer, ein katholischer Generalvikar und eine Freidenkerin.

Die Freidenkerin zeigte sich angriffig und wiederholte wie ein Mantra ihre zwei Grundpositionen: Sie braucht keinen Gott um ein gutes und erfülltes Leben zu haben und sie forderte die strikte Trennung von Kirche und Staat. Und wie so oft in öffentlichen Diskussionen zur Kirche drehte sich die Diskussion über die Finanzen. Die Kirche könne eben gewisse Aufgaben besser (oder günstiger) bewältigen als der Staat. Die Freidenkerin wies darauf hin, dass man auch als säkularer Mensch sich sozial einsetzen kann. Die Kirchenvertreter wiesen allerdings zurecht darauf hin, dass die Institution Kirche zurzeit durch keine andere Institution ersetzt werden kann. So entschied auch das Stimmvolk in den letzten Abstimmungen zu Kirchenfragen für die Kirche als Institution. Diesen Angriff konnten die Kirchenvertreter überzeugend parieren. Die Kirche als soziale Institution scheint heute immer noch gebraucht und vom Volk gewollt zu sein.

Die erste Grundposition der Freidenkerin wurde von beiden Kirchenvertretern allerdings fast ohne Widerspruch akzeptiert. Ob es den Glauben an Gott wirklich braucht, scheint ganz und gar von der persönlichen Biographie und Erziehung abhängig zu sein. Die Herrlichkeit und Schönheit des christlichen Glaubens wurde dem guten und erfüllten Leben der Freidenkerin nicht entgegengestellt. Einzig der katholische Generalvikar bemerkte, dass Jesus Kraft zum Verzeihen gibt. Er sagte: “Es gibt im Christentum eine Kraft zur Versöhnung, welcher der Mensch nicht stiften kann.” Dies war die stärkste Aussage der Diskussion für die Botschaft der Kirche.

Doch es war auch eine der einzigen, welche für die Botschaft der Kirche geworben hat. Hier offenbart sich die grosse Schwäche, wenn nicht sogar das Elend, der heutigen Landeskirchen in der Schweiz. Die Kirche als Institution ist immer noch breit akzeptiert und wird geschätzt. Doch sie hat heute grosse Mühe mit ihrer Botschaft die heutigen Menschen zu erreichen. Wohl gibt es noch viele Christen in den Kirchen, welche sich engagieren aufgrund ihres Glaubens, doch der reformierte Pfarrer wies zu Recht darauf hin, dass gerade die ref. Kirche versagt hat, den Jungen den Sinn der Kirche zu vermitteln.

Dieser Punkt ist ernst zu nehmen und diese Herausforderung gilt es anzupacken. Was haben dann die christlichen Kirchen heute noch für eine einzigartige Botschaft? Ja glauben die Kirchen noch an die Einzigartigkeit und Schönheit ihrer Botschaft? Die ref. Kirchen zehren oft von ihrer Geschichte und der kulturellen Glaubenstraditionen. Man lässt sich taufen, konfirmieren, trauen und beerdigen in der Kirche, weil man dies eben in der Kirche macht, bzw. weil dies ja frühere Generationen auch gemacht haben. Wo soll man es sonst machen? Dies ist ein Grundpfeiler reformierter Glaubenspraxis, doch er bröckelt. Denn die Kirchen sind nicht mehr die einzigen unantastbaren Anbieter auf dem Markt der Religion. Selbst die Freidenker bieten heute Rituale für wichtige Lebensschwellen an. Ritualbegleiter sind am boomen. Warum also noch in der Kirche bleiben, wenn jemand anderer mir das gleiche günstiger, individueller, passender oder herzlicher bieten kann? Der Hinweis auf die soziale Leistungen der Kirche und ihr Engagement für die Schwachen greift nur bedingt, denn dies tun heute auch verschiedenste Vereine. Da kann ich geradesogut diesen meine Kirchensteuer spenden. Und so wichtig diese Leistungen und diese Engagement ist, sie stehen nicht im Kern der Kirche.

Der Kern der Kirche ist die Botschaft des Evangeliums von Jesus Christus. Diese Botschaft begründet die Kirche und daraus lebt sie. Das Evangelium ist der Pulsschlag der Kirche, daraus bezieht sie ihre Kraft zum Leben, Dienen, Leiden und Verkünden. Das Evangelium bezeugt gleichzeitig auch die Einzigartigkeit der Kirche. Es ist ihre Botschaft für die Welt. Was ist das Evangelium? Müssen wir nach 500 Jahren evangelischer Theologie wirklich bekennen, dass das Evangelium nicht mehr ist wie die plumpe Feststellung, „Gott hat dich gern, so wie du bist“? Wird das Evangelium auf diesen Satz verkürzt, wird es irrelevant. Denn die Freidenkerin wies daraufhin, dass sie diese Anerkennung von ihrer Kindern, ihrem Partner und Freunden bekommt. Sie braucht diese Anerkennung Gottes, dass er sie gern hat, nicht. Ja, was ist das Evangelium? Diese Frage gilt es heute wieder neu zu stellen. Und wie unzählige Generationen vor uns wird diese Frage auch heute nicht ohne das Wort Gottes, die Bibel, beantwortet werden können. Für die Kirche bedeutet das, dass sie sich auch heute wieder neu in die Bibel graben muss, um aus ihren Tiefen Wahrheit, Weisheit und Schönheit zum heutigen Tage zu fördern. Es mag vielen als eine Torheit erscheinen, doch ich bin der gleichen Überzeugung wie Dietrich Bonhoeffer:

„Ich glaube, daß die Bibel allein die Antwort auf alle unsere Fragen ist, und daß wir nur anhaltend und etwas demütig zu fragen brauchen, um die Antwort von ihr zu bekommen. Die Bibel kann man nicht einfach lesen wie andere Bücher. Man muß bereit sein, sie wirklich zu fragen. Nur so erschließt sie sich. Nur wenn wir letzte Antwort von ihr erwarten, gibt sie sie uns. Das liegt eben daran, daß in der Bibel Gott zu uns redet.“ DBW Band 14, Seite 144f.

Gerade für die ref. Kirchen in der Schweiz heisst es auch: „Genug vom Menschen geredet. Es wird Zeit, an Gott zu denken“ (Abram Terz-Sinjawski) Wenn es um die Zukunft der ref. Kirche geht, höre ich ev. Pfarrer und Theologen immer wieder von all den Menschen reden, welche sich (noch) engagiert in das Kirchenleben einbringen. Ich kann das nicht mehr hören. Der grösste Teil der heutigen Gottesdienstbesucher ist in 20-30 Jahren tot. Menschen kommen und gehen. Wäre das Fundament der Kirche tatsächlich in den Menschen zu suchen, wäre sie doch schon längst untergegangen. Da war doch das Schlusswort des katholischen Generalvikars ein ganz anderes und hoffnungsvolleres. So sagte er: „Kirche muss sich nicht selber retten, sondern sie ist gerettet von Jesus Christus.“

So ist über dem aufziehenden Sturm das strahlende Licht verborgen. Doch dieses Licht strahlt nicht von der Erde her, ja nicht einmal von der Kirche, sondern vom Himmel hoch, da kommt es her. Diesem Himmelslicht ist es zu verdanken, dass die Erde selbst im Sturm nicht der völligen Dunkelheit verfällt. Und die Kirche, welche den Sturm übersteht, deren Bau und Fundament fest genug ist und nicht auf Sand gebaut ist, wird auch den Sonnenschein des neuen Tages erleben. Wo ist diese Zuversicht und dieser Kampfgeist in den ref. Kirchen der Schweiz geblieben?

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Eine Antwort auf Wozu braucht es die Kirche noch?

  1. Edith Schramm sagt:

    …wie Zwingli sagte: ” Tuet um Gotts Willen etwas Tapferes!”
    Spannende Spurenlese zu einem brandaktuellen Thema!

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