Rückblick eines schweizer Soldaten

Diese Woche hatte ich meinen letzten Dienstag als Soldat der Schweizer Armee und damit ist meine “Ausbildungsdienstpflicht” zum Ende gekommen. Ich habe 245 Diensttage als Führungsstaffelsoldat (Funker) geleistet und bin über den Grad des Gefreiten nicht hinausgekommen, worüber ich recht zufrieden bin. Nun gehöre ich zu den Reservetruppen, obwohl dies heutzutage irgendwie anders genannt wird. De Facto heisst es, dass sich mein jährlicher Militäreinsatz höchstwahrscheinlich auf das Obligatorische Schiessen beschränken wird. Ein geeigneter Zeitpunkt also, einen Rückblick auf meine Zeit in der Armee zu wagen und einige Gedanken zur Schweizer Armee zu teilen. Das eigene Erleben des Militärdienstes hängt natürlich stark von den Personen ab, mit welchen man es zu tun hatte. Dennoch glaube ich, dass ich aufgrund meiner Erlebnisse einiges zur Schweizer Armee auf einer grundsätzlichen Ebene sagen kann.

Der Militärdienst eines Otto-Normal-Soldaten der Armee lässt sich in zwei Teile einteilen: Die Rekrutenschule (RS) und die Wiederholungskurse (WK). Diese beiden Teile des Militärdienstes unterscheiden sich stark. Ich selber absolvierte meine RS 2010 im Alter von 19 bis 20 Jahren. Dies ist auch das Alter der allermeisten Soldaten, Gruppenführer und Zugführer. Abgesehen von „de Höche“ ist die Altersspanne klein und alle sind noch jung. Und damit auch formbar. Ein 19 Jähriger lässt sich noch eher ins Gesicht brüllen wie ein 26 Jähriger. Denn der Umgang in der RS ist ein anderer wie in der sonstigen heutigen schweizer Gesellschaft. An keinem anderen Ort gibt es die hierarchische Struktur von Befehl und Gehorsam in der Strenge wie im Militär. Als Neuling bzw. Rekrut lässt sich diese Struktur nicht ändern. Entweder man ordnet sich in diese Hierarchie ein, oder man wird wohl früher oder später sein Gesuch zum Zivildienst einreichen. Die Meisten fügen sich den militärischen Strukturen. Diese werden normal, nicht wenige finden sogar Gefallen daran. Zu meiner Zeit dauerte die RS 18 bis 21 Wochen, wodurch der militärische Alltag zum alltäglichen Alltag wurde. Das militärische Grüssen, das Befehlen und Gehorchen, die langen Tage, körperlichen Anstrengungen, laute Schreien, der bis ins letzte strukturierte Tagesablauf, überbordender Ausgang mit viel Alkohol, das Stressen, das Warten, dreckig sein und wieder sauber schrubben, all das, was anfangs noch fremd erscheint, wird normal oder gar anziehend. Man muss sich nur einmal die Stammtischgeschichten von ehemaligen oder aktiven Schweizer Militärangehörigen anhören. Schnell wird man merken, dass hinter dem Gejammer und der Nostalgie auch Faszination durchschimmert. Ich selber möchte die RS niemals wiederholen, doch in ehrlichen Momenten, erschien sie mir als eine gute Zeit.

Seit der RS habe ich 5 WKs à 3 Wochen absolviert. Die WK-Kultur hat grosse Unterschiede zur RS-Kultur. Die Soldaten werden älter, der Umgangston wird menschlicher. Es wird nicht mehr auf Perfektion gedrillt, sondern man ist zufrieden wenn’s einigermassen funktioniert. Je nach Person erledigt man dann seine Arbeit so gründlich wie nötig, oder man tut nur das nötigste. Die allermeisten sind da, weil sie da sein müssen. Erstaunlicherweise ist es gerade dieses „müssen“, welches für eine der positivsten Seiten der Armee verantwortlich ist. Die Schweizer Armee ist so bunt durchmischt wie sonst kaum eine andere Institution oder ein anderer Verein in der Schweiz. Vom Büezer bis zum Akademiker trifft man alles an. Und alles in grün. Das Gegenüber kann nicht schon durch seine Kleidung eingeschätzt oder gar gemieden werden. Will man die Leute kennenlernen, muss man zusammen reden. Ich lernte in meinen WKs immer wieder Menschen kennen, welchen ich sonst nie begegnet währe. Und für meine Mitsoldaten galt das gleiche. Als Theologiestudent und angehender Pfarrer war ich wohl einer der grössten Exoten. Dies empfinde ich als einen der Pluspunkte des schweizer Militärs, gerade weil unsere heutige Gesellschaft sich zu sehr nach dem Sprichwort „gleich und gleich gesellt sich gern“ entwickelt. Durch Vernetzung und Mobilität ist es einfacher geworden, sich im Kreise derer zu begeben, mit welchen man schon gemeinsame Interessen oder Ansichten teilt. Im Militär gibt es kein gemeinsames Interesse, welches verbindet.

Wie sieht dementsprechend das Zusammensein unter den Soldaten aus? Es lässt sich vielleicht tatsächlich am besten mit dem etwas verstaubten Wort „Kameradschaft“ beschreiben. Letztendlich sitzen alle im gleichen Boot. Und wenn man schon so eng beieinander ist, dann bringt es nichts, sich gegenseitig noch die Hölle heiss machen. Natürlich half das Wissen, dass man nach 3-4 Wochen das Boot wieder verlassen konnte. Doch ich empfand das Zusammensein in der Truppe in der RS und auch in den WKs als gemütlich und sozial. Wenn man sich nicht speziell destruktiv verhielt, dann wurde auch niemand aus der Truppe ausgegrenzt. Im Gegenteil, ob man nun zurückhaltend oder extrovertiert ist, eigentlich jeder wurde in die Gruppe integriert. Das Zusammensein und die Menschen, welche ich im Militär kennenlernen konnte, sind für mich die positivsten Seiten meiner Militärzeit.

Doch nicht selten ging es mir auch so, wie wohl vielen anderen auch und ich fragte mich: Was zum Henker mach ich überhaupt hier in diesem Verein? Was ist der Sinn der ganzen Veranstaltung? Bevor ich mich an diese Frage wenden will, ist zuerst festzustellen, wie sonderbar diese Frage eigentlich ist. Denn in vielen Ländern der Welt ist das Militär eine Selbstverständlichkeit, weil eben bis heute Konflikte auch mit Waffengewalt ausgetragen werden. Und wer waffenlos seinem Gegner gegen übertritt, muss damit rechnen, geknebelt oder gar erschossen zu werden. Nicht selten ist das Militär auch eine politische Kraft. Gerade heute las ich in der NZZ, dass einige hohe Offiziere der venezolanischen Armee unzufrieden mit den regierenden Politikern des Landes sind und ziemlich unverhohlen mit einem Putsch drohten. Man stelle sich vor, der aktuelle Chef der Armee Philippe Rebord erklärt in einem Blickinterview, die Politik des Bundesrates sei nicht nach seinem Gusto und wenn sich nichts ändere, dann müsse er wohl eingreifen. Es fahren Panzer auf den Bundesplatz und der Bundesrat wird in Handschellen von Soldaten abgeführt. Solch ein Szenario löst bei Schweizern höchstens ein Schmunzeln aus. Und das ist gut so. Denn wir haben, zumindest in den letzten Jahrzehnten, ein politisches System in der Schweiz, welches zur Aufrechterhaltung kein Militär benötigt, oder sich gar durch militärische Mittel an der Macht erhält. Es sind gute Nachrichten, dass die Armee nicht gebraucht wird.

Nun wird gerne auf Armeeeinsätze zugunsten von Unweltkatastrophen oder ziviler Grossanlässe (einen meiner WKs leistete ich zugunsten der Ski-WM 2017 in St. Moritz) hingewiesen. Doch dazu sei gesagt, dass es dafür keine Sturmgewehre, Panzer und Kampfflugzeuge braucht. Dafür muss man nicht lernen, wie man ein Haus stürmt, einen Mörser abschiesst, einen Panzer fährt und ein Funk nach militärischen Standards verschlüsselt. Wohl ist es schlau und effizient, wenn man die vorhandenen Strukturen der Armee auch für andere Einsätze gebraucht, doch dies sind nur die sekundären Aufgaben der Armee. Die ersten drei Sätze des schweizer Bundesgesetzes über die Armee legen deren Hauptaufgabe klipp und klar dar. Die Armee dient zur Kriegsverhinderung und trägt bei zur Erhaltung des Friedens, sie verteidigt das Land und seine Bevölkerung und sie wahrt die schweizerische Lufthoheit. Und wie jede andere Armee der Welt tut sie das unter der Androhung oder dem Einsatz von physischer Gewalt. Wenn wir also über Sinn und Unsinn der heutigen Armee streiten, wird das Hauptgefecht auf dieser Ebene auszutragen sein. Ich möchte den Leser an dieser Stelle verschonen mit einer langen geo-politischen Analyse des heutigen Europas und dem Rest der Welt. Ehrlich gesagt blicke ich auch zuwenig durch. Nur so viel dazu: In der Geschichte hat der Mensch unter anderem stets auch zu militärischen Mitteln gegriffen, um Konflikte zu lösen oder seinen Machthunger zu stillen. Warum sollte das im 21. Jahrhundert radikal anders sein? Wenn man sich dann noch die Militäretats verschiedenster Staaten anschaut, setzen längst nicht alle den Sparstift beim Militär an. Wohl werden die Konflikte in der vernetzten Welt des 21. Jahrhunderts anders ausgetragen, als diejenigen des 20. Jahrhunderts und der vorherigen. Dass jedoch ganz auf Waffengewalt verzichtet wird, scheint mir unwahrscheinlich.

Auf jeden Fall tut die heutige Kritik der Armee gut und die Armee tut gut daran, diese Kritik ernst- und auf-zunehmen. Eigentlich müsste sich die Armee bei der GSoA für deren ständige Torpedierung sämtlicher Abstimmungen zu Militärfragen sogar bedanken. Denn die GSoA sorgt durch ihre Aufnahme eines gesellschaftlichen Anliegens und ihren politischen Druck dafür, dass ein Zurückwünschen der glorreichen alten Zeiten der Armee erschwert wird. „Ist so, weil ist so. Bleibt so, weil war so“, habe ich doch hie und da im Militär gehört. Eine solche Haltung hilft nicht zuletzt der Armee herzlich wenig, sondern führt eher noch dazu, dass die ihren oben genannten Hauptauftrag nicht besser, sondern schlechter ausführen wird. Dass dieses Reformieren für manche zu langsam, für andere zu schnell, für diese am richtigen Ort, für jene am falschen Ort passiert muss wohl in einer Armee in einem demokratischen Land wie die Schweiz hingenommen werden. Und vielleicht wollen die Schweizer ja auch gar keine Armee, mit der wir ganz und gar zufrieden sind, oder sogar die „beste Armee der Welt“. Denn dies würde eine Beschäftigung verunmöglichen, welche alle Soldaten gerne ausüben, ob sie noch Diensttage haben oder diese längst hinter sich haben. Es ist die Möglichkeit, über die Armee und die eigene Militärzeit zu jammern.

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